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„Hast du deinen Arm schon mal in einer Kuh gehabt?“

Dies fragte eine Tierärztin eine Fünfzehnjährige, die diesen Beruf ergreifen wollte, und der Bericht darüber begann mit eben diesem Satz. (Wolf Schneider: Deutsch für junge Profis (DfjP), S. 15)

In unserem 250. Post stelle ich eine konkrete Unterrichtseinheit aus der Aufsatzlehre des Deutschunterrichts vor, zur Stilistik des ersten Satzes:

1. Einführung zum 1. Satz
2. Forderungen an den ersten Satz
3. Das Gesetz der 20 Sekunden
4. Gute Beispiele
5. Übungen zum 1. Satz

1. Einführung zum 1. Satz

„Mit dem ersten Satz gewinnt oder verliert man die Leser.“ Die „Magie des ersten Satzes“ in einem Roman beeinflusst die Entscheidung ein Buch zu kaufen und zu lesen. Fast alle Leser schlagen bei einem Buch die erste Seite auf. Wenn der erste Satz das Interesse weckt, wird meist auch der erste Absatz und die erste Seite gelesen. Wir sollten uns also besondere Mühe geben, diesen entscheidenden ersten Satz so zu gestalten, dass er zum Weiterlesen einlädt. (Erik, Wortjongleur)
Der Lehrerfreund fordert mit Bezug auf den Wettbewerb Der schönste erste Satz:
Der erste Satz muss also Themen, Figuren, Probleme in sich vereinen. Auf den Entstehungs- und Bedeutungskontext anspielen. Das Ende andeuten (oder eben nicht). Ein guter erster Satz antizipiert Erzählweise und Stilistik des Restwerks. Kurz: Der erste Satz muss auf metaphorische Weise Programm des restlichen Werkes sein. Sonst ist es kein guter erster Satz.
Nicht umsonst spricht der
„Stilistikpapst“ Wolf Schneider in „Deutsch für Profis“ (DfP) von einem „doppelten Kunststück“, das von einem Autor beim Verfassen des ersten Satzes verlangt werde. Einerseits lege der Autor mit dem ersten Satz Ton und Gliederung seines Texts fest. Andererseits möchte er den Leser für sich gewinnen, ob durch „Trommelwirbel“ oder durch „Flötenklang“, „durch ein Panorama in zehn Wörtern oder durch ein Lupfen des Vorhangs, hinter dem das Schreckliche droht.“ Wenn der Leser die Hürde des ersten Satzes nicht nehme, sei er für den Text verloren.

2. Forderungen an den ersten Satz

Schneider fordert im 29. Kapitel Einfangen und Weichen stellen, die erste Zeile sei besonders zu bedenken:
  • (…) mitten hinein ins bunte Leben oder ins handfeste Detail, und wenn denn Begriffe geklärt werden müssen, dann erst im dritten Absatz und ganz unaufwändig. (DfP, S. 205)
  • Geschickt eine Erwartung wecken. (DfP, S. 205)
  • In einer Gegensatzspannung liege der Reiz des Beginns. (DfP, S. 205)
  • Beliebt als Anfang sei die Sentenz. Auch ironische Sentenzen geben dankbare Anfänge ab. (DfP, S. 207)
Er zitiert Samuel Goldwyns fast unerfüllbare Anforderung an Drehbuchautoren:
  • Mit einem Erdbeben anfangen und dann langsam steigern. (DfP, S. 210)
Im ersten Kapitel von Deutsch für junge Profis (DfjP) sagt Schneider zum Thema Feurig beginnen:
  • Ohne Köder widerfährt unserem Text das leider allzu Wahrscheinliche: Gelesen wird er nicht. (DfjP, S. 13)
  • Denken vor dem Schreiben hat noch keinem geschadet. (DfjP, S. 14)
  • Wer den Anfang versiebt, der hat verloren. (DfjP, S. 14)
  • Stelle mit Ehrgeiz den ersten Satz auf den Prüfstein, entwickle die Bereitschaft, daran zu feilen! (DfjP, S. 14)
  • Bringe in einem ersten Satz einen komplizierten Sachverhalt auf eine griffige, erleuchtende Formel!
(DfjP, S. 16)
  • Das Traurigste, wozu man einen ersten Satz missbrauchen kann, ist eine Binsenwahrheit. (DfjP, S. 15)

3. Das Gesetz der 20 Sekunden

In Deutsch für junge Profis weist Wolf Schneider im 2. Kapitel auf das Gesetz der 20 Sekunden hin:
Kennen Sie den Elevator Check – den Fahrstuhl-Test? Bei McKinsey und in anderen, vor allem amerikanischen Unternehmen stellt man sich vor: Der kleine Angestellte geht schwanger mit einer grossen Idee; aber vom Boss empfangen zu werden, dazu sieht er keine Chance. Da trifft er ihn im Lift – und hat nun, realistisch geschätzt, etwa 20 Sekunden Zeit, dem Chef seine Idee zu verkaufen; 20 Sekunden, unwiderruflich. Dieses Bild soll jeder in der Firma vor Augen haben und als Regel anwenden: Alles, was nach draussen geht, Brief, Mail, Prospekt und Angebot, muss es binnen 20 Lese-Sekunden geschafft haben, dem Adressaten mitzuteilen, worum es sich handelt – und vor allem: warum er weiterlesen soll. (DfjP, S. 17)
Das Gesetz der 20 Sekunden decke sich mit Sitten und Erfahrungen auf den unterschiedlichsten Feldern. Schneider belegt dies im Aufsatz Küchenzuruf – Teaser – Elevator Check mit den folgenden Beispielen:
  • In Hollywood hat ein bis dahin Unbekannter drei kurze Sätze lang Zeit, um einem Produzenten eine Film-Idee zu verkaufen. Die drei Sätze heissen Hog Line: die Zeile des gierigen Zugriffs, oder Elevator Pitch: die Selbstanpreisung im Fahrstuhl.
  • Radio-Erfahrung: Im Durchschnitt entscheidet sich binnen 17 Sekunden, ob Hörer sich einem Wortbeitrag zuwenden oder „abschalten“ (per Knopf oder durch Entzug der Aufmerksamkeit).
  • Die fürs Handy zusammengestellten Klingeltöne sind maximal 20 Sekunden lang.
  • Für Castings und Vorstellungsgespräche lehren amerikanische Coaches: Verkaufe dich binnen 20 Sekunden, oder du hast verloren.
Er folgert, die 20-Sekunden-Regel habe nur eine Schwäche: Ermittelt worden sei sie vor etwa zwanzig Jahren. Seitdem, sei zu fürchten, könnte es mit der Geduld potenzieller Leser bergab gegangen sein: (DfjP, S. 19)
  • Wenn der erste Satz sich zäh dahinschleppt, habe ich also den Leser vielleicht schon verjagt. Wirkt er aber nicht direkt abstossend, so kann der zweite, der dritte Satz noch alles retten: Im Durchschnitt ist das Mass des Gelangweiltseins erst nach 20 Sekunden (oder rund 350 Zeichen) voll. (DfjP, S. 17)
Ein aufregender erster Satz sollte heute nicht länger als 160 Zeichen oder 10 Sekunden sein, etwa wie eine Kurzmitteilung oder eine WhatsApp-Nachricht! Ein ideales Feld also, um mit digitalen Medien zu arbeiten!

Bei Twitter beispielsweise kann der Reiz gerade in der Beschränkung auf den 140 Zeichen liegen. Der Zwang zur Kürze kann genutzt werden für Übungen zu Wolf Schneiders Forderung Ballast abzuwerfen. Lernen, an der Sprache eines Tweets zu meisseln wie an einem Stück Marmor, bis der Text sitzt. Tweets posten mit einem Hashtag wie #12P1S, dann diskutieren, favorisieren und retweeten. Die Anzahl Favs ergibt die Rangliste. (Twitter im Unterricht)

4. Gute Beispiele

a) Beispiele von Wolf Schneider

1. Wir trafen Jesus in der Mittagspause kurz vor der Kreuzigung.
So begann der Stern seinen Bericht über ein Passionsspiel in Florida. Und wer nach diesem ersten Satz den zweiten nicht liest, der ist nicht von dieser Welt. Furios hatte die Illustrierte auf ihre Weise das Problem gelöst,
vor dem wir alle stehen, wenn wir uns Leser wünschen – egal, ob für Blogs, Briefe, Prospekte, Artikel oder Bücher: Wer soll das lesen? Wen wünschen wir uns? Und haben wir für ihn den richtigen Köder an der Angel? (DfjP, S. 13)

2. Ich habe die Zukunft gesehen, und sie wird nicht funktionieren. (I saw the future, and it won’t work).
Paul Krugman, Nobelpreisträger und Kolumnist der New York Times, war 2009 von einer Studienreise durch China zurückgekehrt – und eröffnete sein Resümee mit dem Paukenschlag. (…) Die Leser sind frappiert, und Manager wünschen sich, sie würden ausschließlich Mails und Vorlagen bekommen, in denen ein komplizierter Sachverhalt sofort auf eine so griffige, erleuchtende Formel gebracht worden ist. (DfjP, S. 16)

3. Wie grüßt der Bergwanderer? Kein Problem, denken viele. Schon falsch.
(DfjP, S. 17, aus dem Magazin der Süddeutschen Zeitung)
4. Oft habe ich mich gefragt, woraus ein hot dog eigentlich besteht. Nun weiß ich es, aber lieber wüsste ich es nicht. 
(DfjP, S. 18: The New Yorker)
5. Gestern war einer dieser Tage, an denen ich verstanden habe, warum Frauen ihren Männern Strychnin ins Essen rühren. 
(DfjP, S. 18: Katja Kessler)
Im Jahr 2007 wurde in einem Wettbewerb der Initiative Deutsche Sprache und der Stiftung Lesen der schönste erste Satz in der in der deutschsprachigen Literatur gesucht. Dies waren die ersten drei Plätze:

b) Erwachsenenliteratur


6. Ilsebill
salzte nach.

Als schönster erster Satz der deutschsprachigen Literatur wurde der Anfang von Günter Grass’ Roman Der Butt gewählt.
7. Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.
Den zweiten Platz belegte Franz Kafkas Einstieg in die Erzählung Die Verwandlung.
8. Hamilkar Schass, mein Großvater, ein Herrchen von, sagen wir mal, einundsiebzig Jahren, hatte sich gerade das Lesen beigebracht, als die Sache losging.
Der dritte Preis ging an die Erzählung Der Leseteufel aus So zärtlich war Suleyken von Siegfried Lenz. 

c) Kinder- und Jugendliteratur

9. In der
Mottengasse elf, oben unter dem Dach hinter dem siebten Balken in dem Haus, wo
der alte Eisenbahnsignalvorsteher Herr Gleisenagel wohnt, steht eine sehr
geheimnisvolle Kiste.

Als schönster erster Satz wurde der Beginn aus Janoschs Erzählung Lari Fari Mogelzahn gekürt.
10. Es fiel Regen in jener Nacht, ein feiner, wispernder Regen.
Den zweiten Platz belegte der Anfangssatz aus Cornelia Funkes Tintenherz.
11. Entweder mache ich mir Sorgen oder was zu essen. 
Der dritte Platz wurde an Ildikó von Kürthys Anfang des Romans Blaue Wunder vergeben.

d) Lieblingssätze von Schülern

Die folgenden Sätze wurden von einer Klasse vorgeschlagen, bewertet und kamen auf die ersten Plätze:
12. Der Engel brannte. 
(Wolfgang und Heike Hohlbein: Krieg der Engel)

13. Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus. 
(K. Marx, F. Engels: Manifest der Kommunistischen Partei)

14. Er hat das Gefühl von Dunkelheit umgeben zu sein.
(Thomas Enger: Sterblich)

5. Übungen zum 1. Satz

Übungen

1. EA (Einzelarbeit): Studiere dieses Dokument zum ersten Satz.

2. GA (Gruppenarbeit): Entwickelt zu viert
in einem Google Docs Dokument, das für die ganze Klasse freigegeben ist,
Kriterien für einen guten ersten Satz. Kopiert den Link in der Aufsatzübersicht
in eurer Spalte in die Zeile Kriterien erster Satz.

3. GA: Ergänzt eure Kriterien mit
Kriterien anderer Gruppen.

4. EA: Jetzt erstellen alle in ihrem für
die Klasse freigegebenen Aufsatzordner ein neues Google Docs Dokument
mit dem Namen 12P1Snavo (12: Eintrittsjahr; P: Abteilungskürzel; 1S: 1.
Satz; navo: die ersten zwei Buchstaben des Nachnamens und des Vornamens).
Kopiert in dieses Dokument die ersten Sätze eurer letzten 6 Aufsätze. Tragt den
Link zu diesem Dokument wieder ein in der Aufsatzübersicht auf Google Drive,
in der Zeile Meine 6 letzten ersten Sätze.

5. EA: Lest nun die ersten Sätze eines
Kollegen und gebt ihm mit der Kommentar-Funktion auf Google Docs
Feedback. Überprüft die Sätze mit den vorher gefundenen Kriterien darauf, ob
sie als erste Sätze geeignet sind. Überlegungen wie die folgenden können dabei
vielleicht helfen:

          –  Sind sie wohlbedacht?                       –  Sind
sie frei von überflüssigen Füllwörtern?
          –  Wecken sie
Erwartungen?                 –   Sprechen sie die Sinne an?
          –  Wird der Leser
angesprochen?           –   Sind sie konkret und anschaulich?
          –  Nützen und ergötzen
sie?                  –   Sind
sie frei von konstruierten Beispielen?
          –  Wiederholen sie das
Thema nicht?     –   Welcher Satz ist der beste? Welcher der schlechteste?

6.  EA: Überarbeitet anschliessend eure
Sätze mit Hilfe der erhaltenen Peer-Feedbacks direkt unter dem
Originalwortlaut, der erhalten bleiben soll. Feilt und meisselt daran wie ein
Bildhauer an seinem Marmorblock!

7.  GA: Kommt wieder in der ursprünglichen
Vierergruppe zusammen und einigt euch auf den je besten und schlechtesten
ersten Satz. Grundlage sind die überarbeiteten Versionen. Tragt eure vier
besten ersten Sätze ein in die freigegebenen Dokumente auf Google Drive:
Die besten ersten Sätze der Klasse bzw. Die schlechteste ersten Sätze der
Klasse.
Diese diskutieren wir mit detaillierten Begründungen anschliessend
im Plenum.

8.  EA: Halte in deinem Stilistikblog die
wesentlichsten Einsichten aus dieser Unterrichtseinheit fest.

9.  Ab jetzt werden die ersten Sätze als
neue Rubrik in den Bewertungsraster der Aufsätze aufgenommen!

Varianten

  • Diese Übungseinheit könnte auch mit Twitter
    durchgeführt werden oder mit WhatsApp. Dann könnte man die besten Sätze
    mit einem Klassen-Hashtag wie 12p1s (12: Jahr; P: Abteilung, 1S: 1. Satz)
    twittern und anschliessend mit Favorisieren bewerten. Wer am meisten Favs
    erhält, hat gewonnen.
  • EA: Studiere das Dokument Rhythmisierte
    Satzschlüsse und Lautfiguren
    .
  • EA: Überprüfe die ersten Sätze deiner
    Erörterungen auf Laufiguren.
  • EA: Überprüfe die letzten Teile aller
    Sätze auf Rhythmisierung. Welche Coda kommen vor?
  • EA: Versuche, einzelne deiner Sätze
    umzuformulieren und bewusst rhythmisch ausklingen zu lassen als cursus
    planus, cursus tardus, cursus velox; trochäisch
    und jambisch.
  • EA: Schreibe je einen ersten Satz zum
    Thema: a) Gewalt und Bildung, b) Die Teufelspakte des 20. Jahrhunderts, c)
    Narzissmus in unserer Kultur.
  • EA: Diskutiere die Beispiele der
    folgenden Schülertextsammlung. Welches ist das schlechte Beispiel?
  • EA: Welchen fünf der literarischen Beispiele auf Google Docs
    gibst du je einen Punkt?

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