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Am Samstag vor einer Woche fand an der Kantonsschule Wil der Kadervernetzungstag 2015 statt. Dabei trafen sich erneut Informatik Kursleitende der Kantone AI, AR, GL, SG, SH,TG, ZH und des Fürstentums Liechtenstein zu einer spannenden Weiterbildung.
Als Einstieg in die Tagung machte Ludwig Hasler sich Gedanken zum Thema Weltsprache Informatik. Er hielt ein überzeugendes Plädoyer dafür, dass Informatik zu einer zeitgemässen Bildung gehört und damit zu der „Alphabetisierung mündiger Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts“.

Ludwig Hasler 
Ludwig Hasler, Dr., Publizist und Philosoph,
studierte Physik und Philosophie. Danach führte er ein
journalistisch-akademisches Doppelleben. Als Philosoph lehrte er an den
Universitäten Bern und Zürich. Als Journalist war er Mitglied der
Chefredaktion erst beim St.Galler
Tagblatt, danach bei der Zürcher Weltwoche.
Seit 2001 lebt er als freier Publizist, Hochschuldozent, Vortragstourist,
Kolumnist in Tageszeitungen und Fachzeitschriften. 
(Curriculum)

Hasler ist überzeugt, dass Informatik in den Kern der Bildung gehört und die Bildung
belebt. In der philosophischen Annäherung Informatik und Bildung für die Hasler Stiftung verweist er in seiner Einführung überraschend und doch mit Recht auf Pestalozzi:
Steuern lernen, was uns
lenkt: Pestalozzi wollte Bildung für Kopf, Herz und Hand. Könnten wir jetzt
haben. Mit Informatik in Schulen

Es geht ihm nicht um Anwender-, nicht um Medienkompetenzen, nicht um Tools. Hasler sieht die Informatik als dritten Denktyp und damit
als dritten Zugang zur Welt, auf der gleichen Ebene wie die Sprachen, die
exakten Wissenschaften/die Mathematik. Die Sprachenfraktion bespreche ein
Problem, die Mathematikfraktion analysiere es, die Informatik versuche es zu lösen. 

I. Das Interesse der Gesellschaft

In einem ersten Teil zeigt Hasler auf, warum IT-Bildung im Interesse der Gesellschaft ist und mahnt, dass wir technologische Trends nicht ungestraft verschlafen. Die Schweiz dürfe im Zeitgeist von Retro-Vollkommenheit nicht auf voralpines Bauerntum regredieren. Die latente Technikfeindlichkeit sei sehr gefährlich. Diese Retro-Mentalität stehe in krassem Gegensatz zu dem, was die heutige Schweiz trage: Raffinesse, Hightech, Informatik. 

Wir müssten wieder wunderfitziger sein und technologisch auf der Höhe bleiben, sonst würden wir abgehängt. Jeder Status Quo verfaule irgendwann. Unser Problem sei, dass wir keine Risiken mehr
eingehen wollen, und dies sei das grösste Risiko. Wer Spitze bleiben will, muss technologisch Klasse sein mit Leittechnologien, zu denen auch die Informatik gehört. Also braucht das Land Informatiker:

Aber müssen wir darum
Schüler flächendeckend mit Informatik behelligen? Wir brauchen auch
Herzchirurgen – und doch hantieren Schüler nicht am offenen Herzen. Der
Vergleich ist schief – und typisch. Weil er die Differenz verwedelt:
Herzchirurgie ist eine
 Technik (ein Handwerk wie die
Uhrmacherei), IT ist eine Technologie (ein neues Wissen von Techniken), eine besondere Art zu denken, eine neue
Einstellung zur Welt. 
(Redemanuskript)

Informatik also nicht verstanden als Spezialtechnik wie Herzchirurgie, sondern als neue Einstellung zu einer immer komplexer werdenden Welt.

Jede neue Technik schiebe sich zwischen Mensch und Leben und löse Argwohn und Skepsis aus. Wenn wir aber von den neuen Techniken die Hände gelassen hätten, hätten
wir heute noch kein Feuer, kein Rad, keine Schrifttechnik. Und mit der Informatik eile es, da sie unseren Alltag längst durchdringe.
Die Schulen seien zu brav, sie
schmeckten zu wenig nach Leben und sie zementierten das Vorurteil, drinnen gebe
es zwar Sinn, draussen aber werde gemacht. Das Wissen um Algorithmen
gehöre in die Bildung. Programmieren
gehöre in die Schule. Wenn wir mündig bleiben wollen, müssen wir wissen,
was uns steuert:
Ergo:
[Die] Gesellschaft hat ein vitales Interesse nicht allein an professionellen
Informatikern, sondern an einer generalistischen Bildungselite, die dreierlei
intus hat: den produktiven Umgang mit Unberechenbarem, den evolutionären Drive
zu neuen Gangarten, ein interessiertes Verständnis dessen, was uns
steuert. 
(Redemanuskript)

II. Im Interesse der Bildung

Im zweiten Teil zeigt Hasler, warum IT-Bildung im Interesse der Bildung ist, wie Informatik „in Menschenform bringt“. Die eigenen Kräfte gebrauchen können, darauf müsse Bildung zielen, den Kopf zum Denken, das Herz zum Empfinden, die Hand zum Handeln und Tun. Diese Drei müsse Bildung puschen, wenn sie Menschenbildung sein wolle. Und: Informatik wäre was fürs Tun! Also: Mehr tun für die dritte Kapazität im Menschen: mehr „Düsentrieb, Hand, Chlütteri, Entwickler, Erfinder, Programmierer, Wunderfitz.“ 

Das Ziel aller Bildung sei Handeln, nicht Wissen. Sie müsste deshalb mehr auf den Problemknacker ausgerichtet werden. Auch die Welt sei nicht aus dem Gespräch entstanden, sondern aus dem Urknall, als es der Schöpfer krachen liess.

Informatik fördere schliesslich auch das Training von Kreativität. Kreativität werde heute zu einseitig künstlerisch gefördert, Kreativität sei nicht nur Expression: 

Spuck was aus,
greif zum Pinsel, tanz über den Friedhof, trau dich, kreativ zu schreiben.
Alles prima. Ausdruckslust, Kreativität als Expression. Der Akt ist
entscheidend, das Produkt beliebig. Bei kreativer IT dagegen schaut noch etwas
heraus, ein Werk, eine Lösung, eine Erfindung … Und anders als bei
künstlerischer Kreativität gibt es richtig oder falsch, also auf die Schnauze
fallen, Fehler machen, lernen, besser machen …
 (Redemanuskript)   

Ludwig Haslers Keynote war mehr als eine intellektuelle Morgengymnastik, wie er es selbst nannte. Aussergewöhnlich die Paarung von Physik und Philosophie. Und die Tatsache, dass er sich weder für die Fraktion der Sprachen stark macht noch für die der Mathematik/Naturwissenschaft, sondern dafür kämpft, dass die Informatik ein ähnliches Gewicht in der Bildung bekomme. 

Er hat dieses Publikum überzeugt und begeistert mit seiner Argumention, seinem Engagement, seinem Witz, seiner brillanten Rhetorik und mit dem Schalk des Weisen. Nicht umsonst bezeichnet ihn DIE ZEIT als den wohl erfolgreichsten Vortragsreisenden der Schweiz.

Erstaunlich, dass diese Gedanken noch nicht Allgemeingut und als solches längst umgesetzt sind, ohne Informatik funktioniert heute ja fast nichts mehr. 
Schluss mit dem
Ausspielen Kreativität vs. Technologie. Informatik ist Kreativitätsschule. Wem
es ernst [ist] mit Geist, [der] kümmert sich um Technik. Macht Informatik. Die
Entgegensetzung Kultur/Technik ist von gestern, 20. Jahrhundert. Das 21.
Jahrhundert bittet zur Heirat der „zwei Kulturen“.
(Redemanuskript)
Ludwig Hasler hat sich wieder hervorragend auf sein Publikum eingestellt, dieses Mal auf Lehrer, früher auf Holzbau Schweiz oder auf den Ostschweizer Personaltag oder auf den Schweizerischen Versicherungsverband. Es lohnt sich in ein solches Video reinzuschauen, selbst meine Schüler waren fasziniert! 

    Ludwig Hasler. Referat beim SVV: Mit Sicherheit weniger Freiheit

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