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In einer Sonderwoche vor den Herbstferien zum Thema Office 365 besuchten wir mit den SchülerInnen unseres Kurses die Neue Stadtschule in St. Gallen. Uns interessierten vor allem die neu gestalteten Lernräume, das Konzept des autonomen Lernens und der Einsatz der Technik.

Nach den fast 500 Tritten der Telltreppe erreicht man ganz oben auf dem Rosenberg an der Dufourstrasse 76 die umgebaute neuapostolische Kirche mit einer herrlichen Sicht auf die Stadt. Beim Betreten der Schule bietet uns eine Schülerin sofort Hilfe an. Der Schuleiter Michael Hasler begrüsst um 08:30 Uhr die 50 Schüler der Oberstufe und des Gymnasiums per Handschlag. Sascha Meier, der Projektleiter des Gymnasiums, erklärt uns das Programm. Sein erster Satz: “Wir haben keine Klassen, sondern Niveau-Lerngruppen”, der zweite: “Wir haben keine Schulzimmer, sondern eine transparente, offene Architektur mit Lernateliers.” Er stellt uns eine Schülerin vor, die uns durch die Schule führt: Garderobe, Cafeteria, Welcome, Bibliothek, Lernatelier, Think Tank 1 und 2. Bewegen Sie sich mit Klicks auf die Pfeile durch die Schule!

Neue Stadtschulen St. Gallen: Virtueller Rundgang

Wir müssen die Schuhe ausziehen, da das Lernatelier nur in Socken betreten werden darf. Es herrscht Ruhe. Die Atmosphäre ist familiär. Im Auditorium verfolgen wir einen Input des Lernbegleiters Eric Garrit zu Edgar Allan Poes Gedicht The Raven. Unsere Betreuerin spricht von Lernpartnern und Lernbegleitern statt von SchülerInnen und LehrerInnen. Sie erklärt uns das Konzept des selbstorganisierten, autonomen Lernens mit höchstmöglicher Individualität.

Architektur

Was uns zuallererst vereinnahmt und beeindruckt, ist die Architektur einer Schule, die keine zu sein scheint. (Baureportage: “Wie man eine Schule baut, die keine ist.”)

Die Beteiligten

- Heinrich Graf: Erbauer der neuapostolischen Kirche (1957/58)
- Bettina und Markus Würth: Schulgründer
- Cédric Bosshard und Riccardo Klaiber: Architekten
- Doris Fratton: Raumgestaltung
- Peter Fratton: pädagogischer Begleiter

Die Architekten betonen, dass eine Lernumgebung geschaffen werden sollte, “die einen Wechsel zwischen Kommunikation und Teamarbeit auf der einen und Eigenverantwortung und Vertiefung auf der anderen Seite ermöglicht.”

“Für die Bedürfnisse der Neuen Stadtschulen wurde das Raumangebot neu organisiert und erweitert. Ohne die Grosszügigkeit des ehemaligen Kirchenraumes zu beeinträchtigen, entstanden Raumzonen für das autonome Lernen, Teamarbeitsformen, Inputs und Regeneration. Der hohe, ehemalige Kirchenraum ist der “Denkraum” für das autonome Lernen. Wie Baumhäuser stehen neu zwei organische, zweistöckige Binnenraume frei im Raum. In deren oberen Etagen sind die Räume Think-Tank 1 und 2, darunterliegend ist die Bibliothek. Die ehemalige Empore wurde verglast und neu inszeniert zum Auditorium umgestaltet, mit den Projektionsflächen im offenen Kirchenraum.” (Baureportage und Gelungener Umbau der “Neuen Stadtschulen”)

Doris Fratton sagt zur Raumgestaltung von Schulen: “Für mich müssen Schulen ein Zuhause sein. Sie müssen mehr als nur ein Ort für den Geist – den Intellekt sein. Schulräume müssen Ermöglicher und nicht Verhinderer sein. Im Idealfall sind sie nach der Lehrperson und dem Kind selbst ein dritter Pädagoge.” (Räume brauchen Flügel)

Ziele der Schule

Die Lernenden bereiten sich vor auf die eidgenössische Maturität, in zweieinhalb oder drei Jahren oder, je nach Lernfortschritt, auch mit Zusatzzeit. Sie werden gezielt auf die Selbstständigkeit im späteren Studium vorbereitet, mit Arbeitstechnik, Lernplanung und Lernstrategien. Sie sollen lernen, mit ihren Freiheiten umzugehen. Ein Fernziel sind weitere Stadtschulen in englisch- und französischsprachigen Ländern für den Fremdspracherwerb und für globales Denken.

Neue Stadtschule St. Gallen: Dem Lernen Raum und Richtung geben

Gearbeitet wird in Präsenzzeiten von 08:30 bis 16:30 Uhr. Manche sind schon vorher da, manche bleiben länger, manche kommen auch am Wochenende. Wichtiger als Präsenzverpflichtungen ist das Erreichen der Lernziele.

Individualiserung des Lernens

In der Broschüre des Gymnasiums steht: “Lernpartnerinnen und Lernpartner sind keine gleichgeschalteten Menschen, die exakt zur gleichen Zeit den exakt gleichen Schulstoff, die exakt gleiche Zielgebung und den gleichen Lernrhythmus brauchen.” Die Grundidee besteht also darin, die Zeit und Lernzielgestaltung zu individualisieren, mit individualisiertem Coaching und fest verankertem Reflektieren des eigenen Lernens. Der Lerncoach bespricht wöchentlich mit den Lernenden den Lernfortschritt und hilft bei Lernproblemen oder Motivationsdefiziten.

W2F-Prinzip

Pro Halbtag steht ein Fach im Zentrum. Die Lernenden bereiten sich mit in “Steps” strukturierten, auf Moodle bereitgestellten Lernmaterialien auf den “Unterricht” vor. Dazu gehören Lernvideos, Bücher, Skripte und Evaluationen. Am Anfang steht die selbstständige Vorbereitung, dann folgt der Input. Die Lernpartner arbeiten nach dem W2F-Prinzip: Sie erarbeiten Wissen (W). Sie besuchen Inputs des Fachbegleiters, beantworten Fragen (F) und wenden das Wissen an. Sie durchlaufen Feedbacks (F), um zu überprüfen, ob sie das Ziel erreicht haben. Danach folgt die nächste Sequenz. Die Lernenden planen ihre Woche zusammen mit ihrem Lernbegleiter und Coach. Sie arbeiten mit iPads und organisieren sich mit Notability. Handys sind verboten, warum habe ich nicht verstanden. Gerade Lernende mit einer so hohen Selbstverantwortlichkeit müssten auch mit dieser Freiheit umgehen können.

Evaluationsformen

Vier Evaluationsformen sollen den LernpartnerInnen zeigen, wo sie auf Kurs sind und wo Handlungs- und Lernbedarf besteht:

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Evaluationsform Zeitpunkt Dauer Gewichtung
Feedback jederzeit 5 – 20 Min. Faktor 1
Kompetenzprüfung jederzeit, 5 Tage vorher angekündigt 30 – 60 Min. Faktor 2
Semesterprüfung Ende Semester schriftlich, mind. 60 Min.

mündlich, 15 – 20 Min.

50%
Jahresprüfung Ende Schuljahr schriftlich, mind. 60 Min.

mündlich, 15 – 20 Min.

50%

Mit dem Erreichen von 70 % der Maximalpunktzahl kommt man weiter. Andernfalls muss man den Stoff repetieren und sich neu prüfen. Nach dem Bestehen der grösseren Prüfungen bekommt man ein Zertifikat.

Die Lernpartner starten als “Beginner”, werden später zu “Advanced Learnern” graduiert und können schliesslich den Status “Master of learning” erreichen, wodurch sie immer mehr Freiheiten erhalten.

Das Creditsystem

Das Schulgeld beläuft sich auf 20’000 bis 25’000 Franken. Die Lernenden haben damit pro Semester eine bestimmte Anzahl College-Credits, mit denen sie ihre Fachbegleiter bezahlen können. Wer zu zweit oder zu dritt eine Stunde bucht, spart Kosten.

Die Schule als Polis

Die Neue Stadtschule verfügt über ein System der Gewaltenteilung. Die erste Gewalt ist die Lernpartnerorganisation (LPO). Sie plant und gestaltet Nachmittage, erstellt und ändert Regeln. Das Lernpartnergericht (LPG) bespricht und reapariert Verstösse gegen die Schulregeln. Die Lernpartnerversammlung (LPV) ist das Parlament der Schule.

Schwerpunkt Philosophie

Philosophie soll den Lernpartnern helfen, Kreativität, Erfahrung, Lernen und soziale Interaktion zu entwickeln und “als freie und verantwortungsvolle Individuen in einer immer komplexeren, vernetzten und unsicheren Welt zu handeln.”

Das Clubprogramm

Im Club Reader heisst es: Ausserschulische Lernorte und Clubstruktur sind Wesensmerkmale der NSSG. Die Clubs sollen lebendiges lustvolles Lernen und Leisten fördern. Dabei sollen möglichst viele Aktivitäten an ausserschulischen Lernorten ermöglicht werden. Die LernpartnerInnen sollen so “mit der Wirklichkeit, dem Lebens- und Arbeitsalltag,” vertraut gemacht werden. Etwa an der EMPA: “Von der Natur lernen” oder bei der Forensik der Polizei SG: “Leichen lügen nicht” oder im Flon “Siebdruck / T-Shirts drucken”. Die Inhalte aller sogenannten Nebenfächer werden im täglich stattfindenden “Studium Generale” absolviert.

 

Am Besuch dieser Schule hat mich beeindruckt, wie der Lernort in Verbindung gebracht wird mit neuen Lernwegen und dass beim Gestalten neuer Lehr- und Lernräume Pädagogik und Architektur so eng zusammengearbeitet haben. Am meisten beeindruckt hat mich, dass die Lernenden die Selbstverantwortung für ihr Lernen übernehmen und damit nicht nur vorbereitet werden auf Studium und Beruf, sondern auf lebenslanges Lernen.

 

Dies war der letzte Beitrag vor dem neuen Jahr. Wir wünschen Ihnen schöne Festtage und danken Ihnen für Ihre Treue!

 

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