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Sehr selten findet man beim Schmökern eine App, die einen umhaut. Eine davon ist Photomath. Ihre Funktionsweise: Scannt man mit der Smartphone-Kamera eine mathematische Gleichung, erhält innert Sekundenbruchteilen die Lösung. Egal wo und wem ich sie bis jetzt vorgeführt habe, alle sind hingerissen. Was bedeutet das für den Mathematik-Unterricht? Macht es noch Sinn, viel Zeit in das Erlernen und Üben von Handfertigkeiten – wie dem Lösen von Gleichungen – zu investieren?

Photomath gibt es für alle gängigen Smartphones (Android, iOS, Windows) und ist ein echter Hingucker. Fährt man mit der Kamera über eine gedruckte mathematische Gleichung – vielleicht kann sie dereinst auch Handschriften erkennen -, ertönt ein kurzes “Klick” und die Lösung wird auf dem Bildschirm angegeben (Bild links). Dies auch dann, wenn es sich beim gescannten Ausdruck um eine quadratische Gleichung, eine Ungleichung oder um ein kleines lineares Gleichungssystem handelt. Die Lösung oder die Lösungen werden sofort angezeigt. 

Es kommt aber noch besser: Klickt man nämlich auf die Lösung einer Gleichung, wird einem Schritt für Schritt angezeigt, wie die Lösung hergeleitet wird (Bild mitte). Dabei wird jeder Schritt einzeln erklärt, wenn man das möchte (Bild rechts).

Wohin führt das?

So weit, so gut. Die Frage ist nun, wie geht man als Mathe-Lehrerin oder -Lehrer damit um. Denn schon bis anhin war es eher schwierig, die Lernenden davon zu überzeugen, weshalb es nötig ist, sehr viel Zeit mit dem Lösen von Gleichungen zu verbringen. Denn alle Schülerinnen und Schüler wussten, dass sie eines Tages einen Taschenrechner zur Hand haben werden, der für sie Gleichungen lösen wird. Heute ist es noch schlimmer: Denn die Jugendlichen haben praktisch alle ein Smartphone in der Tasche, dass alles kann. Mit Photomath muss man die Gleichung nicht einmal mehr in ein Gerät eintippen. Scannen reicht.
Diese Geräte stellen vieles von dem, was wir am Gymnasium im Mathe-Unterricht lehren in Frage. Es wird viel Zeit auf das Lernen von Handwerkstechniken verwendet, die heute mit einer Maschine bewältigt werden können. Andererseits wird eher weniger Zeit auf das Erarbeiten von Problemlöse-Strategien, auf das Analysieren und das Mathematisieren von Fragestellungen aus der Natur, der Technik oder der Wirtschaft, auf das Begreifen der Welt verwendet. Zudem werden ganze Themenbereiche aus dem Mathe-Unterricht ferngehalten.

Neue Mathematik!

Angesichts der neuen digitalen Techniken ergibt sich aus meiner Sicht deshalb die Pflicht, über einen neuen Mathematik-Lehrplan auf Stufe Sek II zu diskutieren. Wir sollten Mathematik betreiben, die die technischen Möglichkeiten einbindet. Das gäbe Luft für neue Themen. Weniger Kurvendiskussion, wenn man einen Graphen am Handy oder mit Geogebra innert Sekunden anzeigen lassen kann. Weniger Drill beim Differenzieren und Integrieren von komplizierten Funktionen. Weniger Üben von Grundtechniken.
Mehr Fokus auf das Verständnis von mathematischen Zusammenhängen. Mehr Wahrscheinlichkeits-Theorie und Kombinatorik (für Wirtschaft), mehr Statistik (für Soziologie, Biologie, Ethnologie, Politik, Psychologie etc.) mehr diskrete Mathematik und Logik (für Informatik), mehr numerische Mathematik (für Life-Sciences und Ingenieur-Studiengänge)! Damit könnten wir zum einen unsere Schülerinnen und Schüler für ein viel breiteres Spektrum an Hochschulstudiengängen rüsten. Zum anderen sind das alles Theorien und Anwendungen der Mathematik, denen man in einem modernen Alltag begegnen kann, auch wenn man kein Maschinenbau-Ingenieur oder theoretische Phyiskerin ist. Ich freue mich auf die Diskussionen.
Photomath: Braucht es neuen Mathe-Unterricht?

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Ein Gedanke zu „Photomath: Braucht es neuen Mathe-Unterricht?

  • April 21, 2015 um 10:10 am
    Permalink

    Dies ist eine ausgezeichnete, längst überfällige Diskussion. Wieso hat es keine Diskussionsbeiträge?? (Auf Reddit veröffentlichen? Auf Facebook geteilt!)

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